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Mutig, ängstlich, glücklich, wütend - wir sind Viele! Wie wir Klarheit in unser Leben bekommen.

Kennen Sie die Matroschka-Puppe? Ich mochte sie noch nie…bis ich vor Kurzem ihren Wert für mich entdeckt habe. Meine Tochter war gerade sehr versunken darin, die Puppen auseinanderzunehmen und wieder zusammenzustecken. Da fiel mir eine Situation ein, in der ich wie eine kleine Matroschka gehandelt habe, obwohl ich (eigentlich) wusste, dass ich auch eine andere Reaktionsmöglichkeit gehabt hätte. Ich wurde von einer Bekannten gefragt, ob ich etwas für sie zur Post bringen kann. Eigentlich kein großes Ding, da ich ohnehin mit dem Auto unterwegs war und mit einem kleinen Umweg auch an der Post vorbeigekommen wäre. Ich sagte ihr (quasi sofort) zu. Mein Bauch sprach allerdings eine andere Sprache. Er antwortete ziemlich schnell mit einem eher flauen, kraftlosen Gefühl. Ich merkte, dass ich ärgerlich und gleichzeitig meine Energie weniger wurde. Denn mir passte der „Umweg“ gar nicht in meinen Tagesplan und ehrlich gesagt, hatte ich auch keine Lust dazu. Aber dennoch sagte ich zu und ignorierte einfach mein Bedürfnis, „Nein“ zu sagen. In diesem Moment war es mir überhaupt nicht klar, warum ich nicht „Nein“ sagen konnte. Nachdem ich also zur Post gefahren war und das Paket abgegeben hatte, machte ich mir zu Hause nochmal Gedanken über die erlebte Situation.

Warum ich „Ja“ sage und „Nein“ meine.

Und dabei ist mir die Matroschka wieder in den Blick gekommen. Ich habe sie auseinandergebaut und bin an einer kleinen Puppe hängengeblieben. Ich glaube, in der Situation, in der ich Schwierigkeiten hatte „Nein“ zu sagen, war ein Teil in mir aktiv, der nicht meinem erwachsenen Ich entspricht. Dieser Teil war viel jünger, ich schätze zwischen acht und 12 Jahre alt. Diese jüngere Version von mir hat gelernt, dass es viel einfacher ist, wenn man lieb und nett ist und seine eigenen Bedürfnisse erst mal hinten anstellt. Diese jüngere Version hat aber auch gelernt, dass sich Menschen oft abwenden und sie nicht mögen, wenn sie sich für ihre eigenen Bedürfnisse einsetzt. Und es ist egal, ob es wirklich so war oder ob dieser jüngere Teil von mir dies „nur“ so wahrgenommen hat. Fakt ist, dass mein jüngeres Ich von diesem Glaubenssatz „Sei immer lieb und nett“ überzeugt war und dementsprechend gehandelt hat - manchmal auch heute noch. 

Das Modell des inneren Teams - wir sind viele

Stark vereinfacht bildet es komplexe Vorgänge, die in uns Menschen vorgehen, ab. Jeder Mensch verfügt aufgrund seiner Lebensgeschichte in seinem Inneren über verschiedene Anteile: wenn wir z.B. etwas fröhlich, ausgelassen und spielerisch tun, dann sind wir im Kontakt mit unseren kindlichen Anteilen, die gerne spielen. Wir Alle kennen jedoch auch Situationen, die uns verunsichern und in denen wir uns „klein“ fühlen, z.B. in einem Gespräch mit dem Vorgesetzten. In unserem Inneren herrscht also ganz oft eine Vielstimmigkeit, da die unterschiedlichen Anteile verschiedene Befindlichkeiten und Gefühle mit sich bringen. Wir sind Viele!

 

Mit meinen Klienten erarbeite ich häufig ein Bild ihrer inneren Anteile. Jeder von uns trägt jüngere Anteile in sich, die von Dingen und Sätzen überzeugt sind, die im Hier und Jetzt nicht mehr passen und stimmen. Meistens sind uns diese nicht bewusst und wir merken zum Beispiel nur, dass wir überfordert sind, weil wir Aufgaben annehmen, die uns zu viel sind. Wir reagieren mit Rückzug und Niedergeschlagenheit oder Wut und Aggression, wenn wir Schwierigkeiten haben uns  abzugrenzen. Wir merken es aber auch daran, dass wir in anderen Situationen vor Glück überschäumen und herumspringen (wie ein Kind) oder rebellisch sind um für eine Sache zu kämpfen. In diesen Momenten sind wir im Kontakt mit unseren jüngeren Anteilen in uns, die uns manchmal Schwierigkeiten bereiten, aber auch beflügeln können, die uns Kraft geben und uns weiter bringen.

Innere Klarheit erleben

In der Arbeit mit den inneren Anteilen geht es also zunächst darum zu erforschen, welche jüngeren Versionen in uns stecken, welche Emotionen sie ausdrücken oder welche Eigenschaften sie haben. Da kann es zum Beispiel einen Teil geben, der kreativ ist, einen, der rebellisch ist, einen der wütend ist, einen, der gerne spielt, einen Teil der gerne Verantwortung übernimmt, der nett und freundlich ist usw. Ich sag immer: je bunter, desto besser :-) So können wir uns in der therapeutischen Situation entfalten und alle Emotionen und Anteile wertschätzen. Der Vorteil dabei ist, dass wir uns immer besser kennenlernen und in herausfordernden Situationen merken, welcher Anteil gerade im Vordergrund steht. Nachdem wir also unsere jüngeren Versionen kennengelernt haben, geht es daran, den Erwachsenen „ins Boot“ zu holen. Dieser ist zu jedem Zeitpunkt präsent und dafür zuständig, dass die jüngeren Anteile gehört und gesehen werden. Denn passiert dies nicht, ergreifen sie die „Macht“, sodass wir nach den Überzeugungen dieser jüngeren Version handeln. Im täglichen Leben ist es oft so, dass wir automatisch handeln (so wie ich beim Postgang für die Bekannte) und uns dabei nicht wohl fühlen. Dann können wir davon ausgehen, dass wir eine jüngere Version von uns nicht gehört haben und diese unser Handeln bestimmt hat. Ziel ist, dass unser erwachsenes Ich der jungen Version dabei hilft, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Ich als erwachsene Person entscheide, wie ich reagiere und berücksichtige dabei die Bedürfnisse meines jüngeren Anteils. 

von der selbstausbeutung zur selbstfürsorge

Dadurch, dass wir unseren inneren Zuständen einen Namen, eine Stimme und vielleicht auch eine Gestalt geben, wird es leichter sich selber besser zu verstehen. In diesem Prozess geht es auch darum zu verstehen, dass uns nichts passiert, wenn wir „Nein“ sagen oder wenn wir „nicht perfekt sind“. Im Gegenteil, wir nehmen uns bewusster wahr, fangen an unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und diese auch zu erfüllen. So gelangen wir von der Selbstausbeutung zur Selbstfürsorge.

In welchen Situationen reagieren Sie "wie ein kleines Kind"? Wie schaffen Sie es, dass Ihr erwachsenes Ich wieder die Führung übernimmt? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

Nicole Jungbauer

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Kommentare: 1
  • #1

    Ester (Dienstag, 18 August 2020 09:05)

    Bei mir ist es oft bei Traurigkeit das ich nach alten Überzeugungen handle.
    Derzeit bin ich auch in VT und wir sprechen gerade viel über die Funktion der Gefühle. Mir war nie bewusst, das Trauer wichtig ist zum verarbeiten. Oder auch das man von Gefühl zu Gefühl hupsen kann