· 

Nein sagen - warum fällt es uns so schwer und was können wir tun

Was macht das "Nein" so schwer?

Kennen Sie die Situation: Sie werden etwas gefragt und sagen "ja", obwohl Sie eigentlich "nein" sagen wollten? Dieses Phänomen tritt in ganz unterschiedlichen Bereichen auf. Der Chef, der Sie bittet, ein neues Projekt zu übernehmen. Die Nachbarin, die Sie fragt, ob Sie für ein paar Stündchen ihre Kinder vorbei bringen könnte. Die Mutter, die möchte, dass Sie noch schnell für sie einkaufen gehen. Der gute Freund, der sich bei Ihnen heute Abend ausheulen möchte... Ich könnte diese Liste vermutlich endlos fortsetzten und Sie würden sich wahrscheinlich in vielen Situationen wiederfinden.

Wie kommt es aber, dass viele von uns, trotz negativer Konsequenzen wie z.B. wenig Zeit für die eigenen Bedürfnisse zu haben, so große Schwierigkeiten haben,  "nein" zu sagen? 

Die Gründe dafür sind individuell sehr unterschiedlich und variieren je nach Situation. Im ersten Schritt ist es wichtig, dass Sie herausfinden, warum es Ihnen persönlich so schwer fällt, „nein“ zu sagen. Im Folgenden finden Sie eine Liste möglicher Ursachen. Lesen Sie sich diese durch und überlegen Sie, welche der Gründe auf Sie zutreffen. 

  • Die Angst, abgelehnt und nicht mehr gemocht zu werden
  • Angst vor Konsequenzen  
  • Angst egoistisch oder herzlos zu wirken
  • Das Bedürfnis gebraucht zu werden 
  • Angst, etwas zu versäumen

 

Es kann sein, dass je nach Gelegenheit ein anderer Grund bei Ihnen vorliegt (beim Chef z.B. die Angst vor den Konsequenzen, bei der Mutter das schlechte Gewissen etc.). Hier ist eine genaue Analyse der jeweiligen Situation und der zugrunde liegenden Beweggründe wichtig. Je mehr Klarheit Sie darüber bekommen, was es Ihnen ganz persönlich schwer macht, „nein“ zu sagen, desto eher werden Sie Ihre Ängste und Bedenken überwinden können.

Was können Sie konkret tun?

Der erste Schritt wäre getan. Sie haben eine Idee dafür entwickelt, wo Ihre persönlichen Gründe liegen. Damit haben Sie schon viel erreicht. Im nächsten Schritt geht es darum, wie Sie konkret dagegen steuern können.

 

  • Die Angst, abgelehnt und nicht mehr gemocht zu werden – Eine Angst, die uns in vielen Situationen begegnet (Freundes- und Bekanntenkreis, Familie, Job). Viele von uns machten schon als Kind die Erfahrung, dass manche Menschen uns nur dann mögen, wenn wir ihnen nützlich sind. Heute, als Erwachsene, können wir diesen Zusammenhang erkennen und müssen dieses Spiel nicht mitmachen.  Wählen Sie Freunde und Menschen, die Ihnen wichtig sind, mit Bedacht aus.
  • Angst vor Konsequenzen – Eine Angst, die durchaus berechtigt sein kann. Nicht jeder reagiert freudig, wenn Sie eine Bitte ablehnen. Es kann also zu Konflikten kommen. Hier ist wichtig, die Situation möglichst objektiv und realistisch einzuschätzen. Es gibt Situationen, in denen es besser ist, "ja" zu sagen – aber diese Situationen sind viel seltener, als es sich anfühlt. Machen Sie sich klar, dass Sie schon viele Konflikte bewältigt haben und dass Konflikte dazu gehören. Immer alles zu tun aus Angst vor den Reaktionen anderer, nimmt Ihnen Ihre Unabhängigkeit.
  • Angst egoistisch oder herzlos zu wirken - Diese Ursache liegt in unseren Werten begründet. Sie brauchen jedoch keine Angst davor zu haben, sofort ein Egoist zu sein, nur weil Sie nicht jeder Bitte nachkommen. Der Egoismus-Vorwurf ist sehr wirkungsvoll, wenn man andere zu etwas bringen will. Nehmen Sie diesen Manipulationsversuch aber nicht einfach so hin.
  • Das Bedürfnis gebraucht zu werden - Diese Ursache ist häufig schwer zu durchschauen. Für andere da sein zu können, tut uns ein Stück weit auch gut. Wichtig ist nur, dass Sie die Balance halten und kein so genanntes Helfer-Syndrom entwickeln. Dadurch besteht nämlich die Gefahr, dass Sie über kurz oder lang selbst aus brennen (weil Sie zu kurz kommen).
  • Angst, etwas zu versäumen - Man hat das Gefühl auf jede Feier, zu jeder Veranstaltung, zu jedem Treffen gehen zu müssen. Man übernimmt Aufgaben und Gefälligkeiten, weil man dadurch glaubt, "im Geschehen" zu sein – und dass einem etwas entgeht, wenn es jemand anderes tut. Hier hilft nur eines: zu lernen, Prioritäten zu setzen. Finden Sie heraus, was Ihnen wirklich Spaß macht und trainieren Sie Schritt für Schritt, auch mal zu einer Einladung "nein" zu sagen. Sie werden sehen, dass das Leben weitergeht, auch wenn Sie nicht überall dabei sind. Und den gewonnenen Freiraum werden Sie auf ganz neue Art nutzen können. 

Welche Strategien haben die anderen?

 

Zu den oben genannten Ursachen, kommt auch noch die Tatsache, dass es uns andere Menschen oft schwer machen, „nein“ zu sagen. Das ist nachvollziehbar, sie wollen ja schließlich, dass wir ihrer Bitte nachkommen. Im Folgenden einige Strategien, die andere anwenden, um uns zu überzeugen:

  • Erpressung / Druck („Wenn du das nicht für mich tust, dann...“)
  • Überrumpelung ("Das muss in der nächsten halbe Stunde fertig sein....")
  • Schmeicheleien („Du kannst das einfach viel besser.“)
  • Mitleidstour („Ich schaffe das alleine nicht")
  • Behauptungen („Du bist der Einzige, der nicht mitspielt.“)
  • Verbrüderung („Wir verstehen uns doch, nicht wahr?“)

Bei den Strategien, die andere anwenden,  um uns zu überreden, hilft nur, diese zu erkennen und den nötigen Abstand zu gewinnen. Schauen Sie genau hin, wer etwas von Ihnen will und welche Mittel diese Person einsetzt. Sobald Sie die Strategie "enttarnt" haben, können Sie diese freundlich, aber deutlich ansprechen, wie z.B.

  •  "Ich fühle mich gerade überrumpelt, weil du von mir unter Zeitdruck eine Entscheidung möchtest. Ich brauche etwas Zeit und dann sage ich dir Bescheid."
  • "Ich kann verstehen, dass es dir nicht gefällt, wenn ich jetzt "nein" sage. Ich möchte mir aber deswegen keine Schuldgefühle machen lassen."
  • "Ihr Lob freut mich natürlich sehr und trotzdem kann ich diese Aufgabe heute nicht mehr für Sie erledigen." 

 Stephanie Diemer

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0